DAS DARF NICHT PASSIEREN
- Maria Winter

- 27. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Endlich fertig.
Nach so vielen Stunden intensiver Arbeit, nach so viel Muße und so vielen Blautönen.
Fertig – das Bild ist vollendet.
Mit Sehnsucht wartet schon meine Kundin auf ihr Gemälde. Emotionen, Gefühle und Herzblut haben wir gemeinsam in dieses Bild fließen lassen. Seit Wochen freut sie sich darauf. Sie hat bereits einen bestimmten Platz dafür – einen Ort, an dem das Bild leben soll.
Jetzt liegt es vor mir, auf dem Boden meines Büros, bereit zum Einpacken. Ich drehe mich um, um Papier zu holen – und stoße unbewusst ein Glas Wasser an, das seit dem Morgen auf meinem Arbeitstisch steht.
Dann geschieht alles wie in einem langsamen Film – ein Moment ohne Zeit.
Ich sehe das Glas kippen. Es fällt. Zerschellt auf dem Boden. Tausende funkelnde Wassertropfen steigen in die Luft und landen auf meinem Bild.
Ich halte den Atem an.
Nein!
Meine Arbeit!
Mein Werk!
Doch wie ein Sicherungsseil bei einem Akrobaten im Zirkus rettet mein Bild etwas:
ein glänzender Sprühfilm – der Schutzlack, mit dem ich das Gemälde erst gestern versiegelt habe. Ich liebe, was ich mache, und spare nie an meinen Malmaterialien. Heute hat es sich gelohnt.
Er hält stand.
Er schützt.
Er bewahrt alles, was darin steckt.
Das Bild ist gerettet.
Nicht einmal Spuren von Wasser – der Lack ist abweisend.
Ich atme aus und flüstere: Das darf nicht passieren. 💙
P.S.
Bei der Bildübergabe hatte meine Kundin strahlende Augen. Ich erzählte ihr dabei die Geschichte vom Bild und vom verschütteten Wasser.
Plötzlich drehte sie sich mit völlig überwältigtem Gesicht zu mir und sagte:
„Das ist eine Prophezeiung! Ich wollte mich bald taufen lassen.“
Dann wurde sie nachdenklich und fügte leise hinzu:
„Vielleicht war das Wasser kein Zufall, sondern ein Zeichen – Teil eines größeren Weges.“



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