top of page

Eine Entschuldigung

  • Autorenbild: Maria Winter
    Maria Winter
  • 13. Juni 2025
  • 1 Min. Lesezeit

ree

Die Tasse war in zwei Teile gebrochen.


Einfach aus der Hand geglitten, mitten im Abwasch – wie ein Moment, der zu schnell

vergangen war. Weiß, mit feinem Goldrand, ein kleines Herz unter dem Henkel – ein Geschenk von ihrem Mann zum Valentinstag, damals, am Anfang ihrer Beziehung.

Oh! Wie stark waren sie ineinander verliebt!

 

Sie hatte versucht, die Tasse zu kleben. Sorgfältig. Mit ruhiger Hand.

Aber der Riss blieb sichtbar. Und als sie das erste Mal wieder Tee hineingoss, sickerte die Wärme durch den Spalt – still, aber unaufhaltsam.

 

„Entschuldigung“, flüsterte sie.

Nicht zu sich selbst. Zur Tasse.

Dann legte sie ihr Lieblingsstück in den Mülleimer.

 

Sie dachte kurz daran, sich eine neue zu kaufen. Eine schönere vielleicht. Oder eine mit vielen Blumen an der Seite. Doch sie wusste: Sie würde nicht dieselbe sein.

 

Am Abend kam er heim.

Zu spät, wie so oft. Der Blick ausweichend. Die Stimme abwesend.

„Entschuldigung, ich war…“, begann er.

 

Sie sah ihn an.

Sah die Falten um seine Augen, die Müdigkeit in seinem Gang, das Parfum, das nicht ihres war.

 

Und sie nickte.

Langsam.

Wie jemand, der längst wusste, was kommen würde.

 

„Ich weiß“, sagte sie leise.


In diesem Moment fühlte sie sich in ihrer Seele verletzt, ausgenutzt, verraten – trotz aller Entschuldigungen: fallen gelassen. Genau wie ihre Lieblingstasse. In ihrem Inneren spannte sich derselbe Faden wie heute beim Kleben. Hoffnung, dass es hält. Angst, dass es bricht.

Doch jetzt wusste sie: Es war längst zerbrochen.


Man kann sich entschuldigen. Man kann auch versuchen zu kitten.

Aber manches bleibt eben… kaputt.

Kommentare


© 2025 by BE HAPPY GRAFIKDESIGN. Dr. Maria Winter

bottom of page